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Stell dir vor keiner geht hin


Von Barbara Zimmermann und Christian Spanik

Es prasselt, als würde jemand Erbsen auf ein Dachfenster fallen lassen,
aber es kommt nicht von
oben. Es kommt durch das geöffnete Schlafzimmerfenster. Und erst als wir
davon wach werden,
können wir das Feuer auch riechen und sehen. Als wir nach draußen
rennen, beleuchtet der
Widerschein des Feuers die Szene mit seinem typisch unruhigen Licht.
Außer dem Besitzer des
Anwesens und uns ist nur noch ein weiterer Nachbar da. Beide bemühen
sich, den Brand mit
Gartenschläuchen in Schach zu halten. Der Rest der Leute aus den
benachbarten Häusern, der
nicht schon im Urlaub ist, verbringt den Sommerabend wohl irgendwo
anders bei Freunden und
Bekannten. Die Gefahr ist offensichtlich: Die Bauhütte brennt bereits
lichterloh und es ist nur eine
Frage der Zeit, bis das Feuer auf den Neubau über- greifen wird. "Ich
habe die Feuerwehr schon
gerufen..." sagt der Besitzer. "Vor 20 Minuten..." fügt er resigniert
hinzu. Alle nicken verstehend.
Es dauert nun mal seine Zeit, bis die Feuerwehr kommt, wenn man nicht in
der Stadt wohnt, wo es
Eine Berufsfeuerwehr gibt, die rund um die Uhr besetzt ist. Das Problem
liegt aber nicht in der
Entfernung - das alte Zeughaus liegt nur etwa fünf Minuten von uns
entfernt...

Da hören wir das Martinshorn und man kann auch das Flackern des
Blaulichtes schon sehen. Der
Besitzer des Grundstückes läuft ihnen entgegen, damit nicht noch mehr
Zeit verloren geht. "Mensch –
so ein Glück, dass die schon da sind..." seufzt der andere Nachbar
erleichtert und blickt auf seinen
Gartenschlauch. "Damit kommt man ja wirklich nicht weit..." Nur zwei
Mann sitzen im Löschfahrzeug.
Und wie zu erwarten, sind es Pensionäre. Einer der beiden, der wie ich
weiß schon über 60 ist
aber immer noch sehr dichtes, dunkles Haar hat, verschafft sich rasch
einen Überblick. "Der war
früher der Kommandant - als die Freiwillige Feuerwehr noch mehr
Mitglieder hatte. Unser Glück, dass
der da ist...Eigentlich dürfte er in seinem Alter gar nicht mehr..." Der
Alte trifft rasch seine Entschei-
dungen: "Hans, Du versuchst erst mal den Brand mit dem Tankwagenschlauch
vom Neubau weg-
zuhalten, bis ich denen hier gezeigt habe, was zu tun ist... Ihr kommt
mit und helft mir, eine Saug-
leitung vom Löschteich aufzubauen." "Und was ist mit der Bauhütte?"
fragte ich. Der Alte sah mich
skeptisch an: "Die ist eh nicht mehr zu retten. Die Zeiten, wo wir genug
Leute hatten, um einen Brand
zu bekämpfen, sind vorbei. Heutzutage verwalten wird hauptsächlich das
Feuer, das wir vorfinden.
Also los!"

Eigentlich war es erstaunlich, dass wir den Neubau retten konnten. Und
hätten uns die beiden Alten
nicht so klare Anweisungen gegeben, wir hätten wohl nie Wasser in die
großen Schläuche be-
kommen.

Als wir vor den glimmenden Resten der Bauhütte standen, meinte meine
Freundin: "Das war knapp..."
"Da haben wir schon Schlimmeres erlebt", entgegnet der Alte. "Das war ja
nichts Großes. Wir waren
nur viel zu wenige. Erst recht zu wenige Ausgebildete.. zwölf Aktive...
damit kommt man nicht über die
Urlaubszeit."

"Aber warum werden dann nicht mehr ausgebildet?", frage ich. "Weil
keiner kommt, wenn man was
macht – weil keiner Zeit hat. Eine Jugendgruppe haben wir schon seit
zwei Jahren nicht mehr.
Freiwillige Feuerwehr – so etwas kostet nun mal Zeit. Die Zeit, die man
beim Einsatz nicht hat, die
braucht man zum Üben." Er will gerade weiterreden, als ein Piepsen
ertönt. Tüt.. tüt.. tüt. "Ein Dreier-
alarm..", sagte der Alte und hält mir den Feuer wehr-Piepser hin. Aber
das Gerät hört nicht auf...
tüt.. tüt.. tüt..

Tüt.. tüt.. tüt.. - ich schlage die Augen auf. Wie immer drücke ich
zuerst auf dem Wecker herum, weil
ich denke, dass er es ist. Aber beim Blick auf die Uhr wird mir klar,
dass es erst viertel nach drei ist.
Samstag nacht. Meine Freundin ist auch wach... "Piepser?" fragt sie
schlaftrunken. "Ja", sagte ich,
"ein Dreier-Alarm..."

Keine Frage, wir werden jetzt rasch in die Klamotten springen und mit
dem Auto zum Feuerwehrhaus fahren.
Wir wollen es. Wir haben uns freiwillig dafür entschieden. Und deshalb
müssen wir jetzt auch –
ziemlich egal wann. Ob es draußen kalt oder warm ist. Denn stellt euch
vor, es gibt eine Freiwillige
Feuerwehr und keiner geht hin... stellt euch vor, es brennt und keiner
kommt löschen.....


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